Unterwegs

Mr. Braveheart und das Ketchupblut

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© william.ward

“Kennt ihr Braveheart?”

Die Kreatur, die dort im grellen Licht gegenüber von der geschlossenen Pendlerkneipe vor uns stand, wirkte so bizarr wie angsteinflößend. Seine grauen Haare waren zurückgekämmt und sein Gesicht war zur einen Hälfte bemalt mit schwarzer, bröckelnder Farbe, die andere Seite war rot-gelb verschmiert mit Ketchup und Senf. Von seiner Nasenspitze tropfte Ketchupblut und besprenkelte seinen schwarzen Parka.

Er reichte uns zur Begrüßung die Hand und nur wenige Sekunden vergingen, bis ich es bereits bereute, ihm jemals auch meine entgegengestreckt zu haben. Sein Händedruck war so fest, als wolle er mir alle Knochen brechen und seine Hände waren klebrig vom Ketchup.

Es war früh am morgen und der Kölner Hauptbahnhof nahm langsam wieder den Regionalzugverkehr auf.

“Den Film mit Mel Gibson?”

Ich überlegte für einen Moment, ob diese Situation tatsächlich real war oder eher eine Mischung aus Hirngespinst und Illusion, entflohen aus meinem müden Kopf und getrübt von Neonröhrenlicht des Bahnhofsgebäudes. Aber er stand leibhaftig vor uns und erzählte unaufhörlich von William Wallace.

“Wir haben die Schlacht gewonnen! Gewonnen! Es ist viel Blut geflossen, aber wir haben die Schlacht gewonnen!”

Ich konnte meine Blicke nicht von dem Ketchup-Senf-Ruß-Gesicht lösen, zu surreal wirkte Mr. Braveheart zwischen den pensionierten Frühaufstehern, betrunkenen Heimkehrern und Pendlern in den Gängen des Bahnhofs.

Der ganze Abend war eine Ansammlung schicksalhafter Surrealitäten gewesen: die Schotten mit ihren Akzenten und ihrer Musik, it always pays to be brave, from the cradle to the grave auf meinem iPod und nun ein Mann mit Ketchup und Senf im Gesicht, der sich für den schottischen Freiheitskämpfer Braveheart hielt. Ketchup tropfte auf meinen Schuh. Er hatte die Schlacht gewonnen.

“Dann bist du so etwas wie ein Aktionskünstler?” fragte ich. Er nickte und bevor er mich in seine Kunst einweihen konnte, stolperte ich hastig die Treppen zum Gleis hinauf und hoffte, dass er mir nicht folgte.

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