Ich fahre mit
Wer etwas erleben will und die sterilen ICE-Reisen für viel Geld satt hat, fährt Mitfahrgelegenheit. Denn wenn man nicht gerade Giovanni mit dem 3er-BMW, der explizit nach weiblicher Begleitung sucht, anruft, trifft man auf durchaus interessante Leute und Geschichten bei erstaunlich niedriger Idiotenquote. Nach Berlin ging es für mich letzten Freitag in einem silbernen Werkstatt-Ersatzwagen, der wie für einen Opel typisch das Opel-Zeichen und nicht das Audi-Logo trug, nach dem ich zuerst Ausschau hielt. Die Fahrerin war nett, ebenso wie der Mitfahrer, der bereits in Bonn zugestiegen war.

© Grabthar
In Dortmund nahmen wir am Bahnhof einen Nachwuchscomedian auf. Er hatte es besonders eilig, am Abend sollte er in einer Nachwuchsshow des Quatsch Comedy Clubs auftreten und musste dafür pünktlich um 5 im Friedrichstadtpalast sein. Er erzählte uns von seiner bisherigen Comedy-Karriere und prompt kamen wir in den Stau. Es hatte wohl noch mehr Menschen aus Angst vor Bahnstreiks auf die deutschen Autobahnen gezogen und somit ging es insgesamt sicher schleppender voran, als es wohl mit der Bahn der Fall gewesen wäre. Der Comedian stöhnte. Er saß mittlerweile vorne, probte flüsternd sein Programm und stoppte die Zeit.
Wir saßen derweil zu dritt auf der Rückbank, vor allem mein Sitznachbar schien unter der fehlenden Beinfreiheit zu leiden und blätterte gequält in einer Bootszeitschrift. “Hinten in der Mitte ist statistisch gesehen der sicherste Platz im Auto!” versuchte ich ihn aufzumuntern, aber das schien ihn wenig zu beeindrucken und er war froh, an der nächsten Raststätte endlich den Platz tauschen zu können.
Die Autobahn war langweilig. Mein Kopf wurde langsam schwer, ich nickte hin und wieder ein und wurde schließlich von hektischen Stimmen geweckt, die über die Technik des Autos fachsimpelten. 80 Kilometer vor Berlin machte der Wagen, ein Ersatzauto der Werkstatt, schlapp, er ruckelte nur noch und die Höchstgeschwindigkeit sank rapide erst auf 120, dann auf 80 km/h. Von meinem Platz aus konnte ich die Uhr nicht sehen, aber es war mindestens 5 und der Comedian vergrub sein Gesicht in seinen Händen. “Ruf doch mal Thomas Hermanns an!” schlug eine Mitreisende vor. “Heute Abend moderiert Cindy aus Marzahn!” klärte er uns auf und zückte dann sein Handy, um sich bei der Redaktion zu melden. Gegen 6 kamen wir schließlich an. Ich besuchte spontan meine Freundin Sarah in Friedrichshain und als ich am Abend Boys Of Brazil auf der kleinen Bang-Bang-Club-Bühne spielen sah, dachte ich an den Comedian, der jetzt gerade wohl auch auf einer Bühne stand. Vielleicht schafft er ja eines Tages den großen Durchbruch im Comedy-Geschäft.
Für die Rückfahrt nach Köln fand ich spontan ein Wochenendticket mit fehlenden Mitfahrern und wir trafen uns am ziemlich langen Gleis 14 des Hauptbahnhofs, als der Zug schon lange eingefahren war. Unsere Gruppe bestand aus einer Gothic-Liebhaberin auf The-69-Eyes-Konzertreise, einem Medieninformatikstudenten aus Berlin, einer Reisefreudigen mit abgeschlossenem Psychologiestudium in England und später auch noch einer Medizinstudentin aus Bonn, die gerade ihr Praktikum im Krankenhaus absolvierte und in Hannover zustieg.
“Die meisten Leute sind einfach zu dumm, und wissen nicht, dass man sich ein Wochenendticket mit 5 Personen teilen kann.” meinte die Konzertreisende, während sie ihren am Vorabend ergatterten Drumstick im Rucksack verstaute. “Und noch weniger Leute kommen auf die Idee, das Ganze im Internet zu inserieren.” Wir nickten und die 9 Stunden vergingen wie im Fluge.







Süße, kleene Roadtrip-Geschichte.
Was du immer erlebst, krass krass! ;)
Der Link stimmt nicht ganz :D^^
Ui, feiner Eintrag. Obwohl ich immernoch irgendwie befangen wäre, einfach so bei wem mitzufahren.
@ Marcel: Naja, Roadtrip würde ich das jetzt nicht nennen. Wobei, vielleicht ein bisschen… eines Tages mache ich aber mal einen richtigen Auto-Roadtrip, wie eine Mischung aus allen Roadtrip-Filmen zusammen.
@ Adrian: Einfach mal eine Mitfahrgelegenheit nehmen und ein wenig rumfahren, da erlebt man mehr, als man denkt!
Oh ja, seltsam, ich hab mich vertippt, glaub ich. Jetzt stimmts.
@ wellenschlag: Ja, so dachte ich anfangs auch, aber wie gesagt, die meisten Leute, die Mitfahrgelegenheiten anbieten, sind normale Menschen, die ihr Auto vollkriegen und sich ein bisschen Geld verdienen wollen. Wer böse Absichten hat, der kann das Ganze auch anders haben ;)