Glitter, Kunst und Strüßje
10:05. Es ist schon pathetisch: Anstatt 50 Meter zu laufen und nachzuschauen, ob Norma heute auf hat, suche ich lieber die Öffnungszeiten im Internet und verlasse erst dann das Haus. Draußen ist es kalt und dass ich gerade aus dem Bett komme, ist sicher auch für meine Mitmenschen kein Geheimnis. Für 35 Cent in kupferfarbenen Münzen kaufe ich mir eine Packung Haferflocken und fühle mich dabei unglaublich sparsam - würde ich mich nur noch von Haferflocken ernähren, hätte ich monatlich sicher eine Ersparnis von 50 Euro.
11:36. Mit 2kg Glitzer im Gesicht und einem wunderschönen Kleid stehe ich an der Bushaltestelle. Wenigstens bin ich mir diesmal sicher, dass ich mich nicht im Tag vertan habe. Bus und Zug sind voller Jecken, die sich gegenseitig die Haare toupieren, während die Waggons in den Kölner Hauptbahnhof einrollen. Sich an einem belebten Tag wie diesem am Douglas zu verabreden, ist fast so sinnvoll wie die meisten Karnevalsschlager: hier ist es beinahe voller, als im Rest des Bahnhofs zusammen, weil jeder diese fantastische Idee hatte.
12:35: Das Handy wählt. Dann Stille. “What’s in your head?” singt Dolores O’Riordan und ich werde stutzig. Für einen Moment dachte ich, dies alles spiele sich im Hintergrund meiner gewünschten Gesprächspartnerin ab (durchaus nicht ungewöhnlich, auch in meinem Umfeld ist es laut). “Hallo?” Doch die Musik klingt zu perfekt. Mailbox wahrscheinlich. Ich lege auf.
12:45. “Hast du versucht mich anzurufen?” - “Ja, aber da kam so komische Musik.” - “Das ist keine komische Musik, das sind die Cranberries!” - “Ich weiß. Ist das deine Mailbox?” - “Nee, das Freizeichen.” - “Oh.”
13:10. Es regnet. Die Straße, die so menschenleer und gemütlich begann, endet in einem chaotischen, bunten Treiben. Genau hier, an der Verlängerung der sonst eher szenigen Ehrenstraße, verläuft der Zug. Ich dränge mich durch die Menge, wenigstens solche Dinge kann ich gut. Das ist noch aus meiner Zeit als Großkonzert-Besucher hängengeblieben, außerdem bin ich recht klein und nun fehlen lediglich noch die Getränkebecher in meiner Hand und ein fröhliches “Tschuldigung, aber da vorn sind meine Freunde!” auf den Lippen.
13:33. Ich treffe meinen Vater, er trägt eine blau-weiß-gestreifte Mütze und hat wie immer Essen dabei, außerdem heiße Schokolade in der Thermoskanne. War es in meiner Kindheit immer ein Stundenakt, ihn zum Tragen einer roten Nase zu bewegen, geht er mit seiner Glöckchen-Latzhose jetzt sogar halbwegs als Karnevalist durch. “Kamelle!” Es regnet noch immer in Strömen und ich verstecke mich unter einem Vorsprung. Scheinbar ist jeder Karnevalist perfekt auf Regen vorbereitet, alle tragen Mützen oder Hüte. Nur mich trifft das Wetter buchstäblich aus heiterem Himmel.
13:51. Scheiß drauf, denke ich mir. Jetzt macht es auch keinen Unterschied mehr. So wie damals beim Haldern Pop, als We Are Scientists spielten, das Wasser schon 15cm auf dem Feld stand und wir die einzigen ohne Regencape waren.
14:09. Langsam komme ich meiner Umwelt gleich: ich bin nass. Und gefangen zwischen Spielmannszügen, Wagen, Pferden, Kamelle und Kostümen. “Lappeclown inspiriert Kunst” nennt sich ein Wagen, als Anspielung auf das fast digital anmutende Domfenster von Gerhard Richter. Und irgendetwas mit Klimaerwärmung, Merkel, Knut, Moschee. Zwei junge Männer vor mir brüllen unentwegt nach Strüßje. Sie schreien sich die Seele aus dem Leib und für einen Moment frage ich mich, wo der Vorzug eines zerquetschten Blumenstraußes gegenüber einer Handvoll Schokolade liegen soll. Und was die beiden, scheinbar Junggesellen, mit so vielen Blumen wollten.
14:28. Die Strüßje-Jäger brüllen noch immer und ich überlege, ob ich ihnen sagen soll, dass diese Blumen an Karneval eigentlich netten Frauen vorbehalten sind. Irgendwann erbarmt sich eine Reiterin und wirft eine weiße Blume - doch der japanische Karnevalstourist ist schneller. Die jungen Männer fluchen.
15:02. Ich kann nicht mehr, langsam wird mir sogar kalt (und das soll etwas heißen, normalerweise entspricht meine innere Hitze der einer Fünfzigjährigen in ihren Wechseljahren). Die trockenen Menschen, die uns entgegenkommen, starren uns an. “Oh mein Gott, guck mal, wie nass die alle sind! Ich will nachher nicht auch so aussehen!”
15:09. Flucht. Fressorgie. Freude.
16:10. Vollkommen durchnässt und mit einer halben Tragetasche Kamelle fahre ich nach Hause. Selbst der Busfahrer ist zu Späßen aufgelegt, als eine Gruppe Halbstarker zum dritten Mal den “Stop!”-Knopf drückt, obwohl niemand aussteigen möchte. Hinten fängt jemand an zu singen und die Gruppe auf dem Vierer vorn stimmt mit ein. “Ich hab ‘ne Zwiebel auf dem Kopf ich bin ein Döner, denn Döner macht schöner.” Das Paradoxon des Satzes angesichts der Tatsache, dass Döner gar keine Zwiebel auf dem Kopf haben (geschweige denn einen Kopf besitzen), begleitet mich auf meinem Weg nach Hause.
Epilog. Alaaf. Die Süßigkeiten sind quasi alle und meine Strüßje stehen in einer Soda-Stream-Plastikflasche neben dem Fernseher und sehen unglaublich unromantisch aus.




sehr schöner beitrag, schön zu lesen und soweit aber nicht desdotrotz sind mir einige fehler in ihrem karnevalistischen zeitablauf aufgefallen
sie machen sich also 10 uhr und 5 auf dem weg nach norma um ca 90 minuten komplett geschminkt eingekleidet an einer bushaltestelle zu stehen?! pah jeder mann oder der sich dafür hält und im umgang mit dem xx geschlecht vertraut ist das jenes eine schier unglaubliche zeitangabe ist! keine frau ist auch nur ansatzweise in der lage sich in grobgeschätzt 60 minuten ausgehfertig zu machen (90 minuten - 30 minuten haferflockenkauf)
zum thema dönerkopf muss ich ihnen einen strich durch die rechnung machen! denn ebendso wie schildkröten, regenwürmer und bobtails haben döner einen kopf! sie zeigen eben nur nicht jedem dahergelaufenen kamellejäger :-P sucht man aber genau findet man am ende des zwiebelschopf ein gelegentlich äusserstfreundliches gesicht versteckt unter rotkraut und knoblauch sosse!!!
achja schickes foto vor allem das motiv (ich meine damit die kamelle! yami)
@Basti:
Ich schaff es mich immer unter 30 Minuten fertig zu machen ;)
@Ines:
Man, du schreibst so toll ^^ Schreibn Buch!
Hast du auch so geile nudeln gefangen? Ich hab davon hier berge liegen. ich glaub die schmekcen sogar ganz gut, sehen zumindest so aus.
@ Basti: Soso, aber da muss ich alle Frauenversteher leider enttäuschen, das ist durchaus zeitlich möglich! Jaja ;)
1. Ich bin kein typisches Mädchen. Ich bin zum Beispiel unromantisch und besitze nur sehr wenige paar Schuhe.
2. Ich habe mich lediglich geduscht und mir nicht die Haare gewaschen (”Duschen ohne Haare” um es mit Mario Barth zu sagen - der ist super unlustig, aber das ist irgendwie hängengeblieben.) Duschen mit Haare und fertigmachen schaffe ich in der Tat nicht in 60 Minuten, weil ich keinen Föhn besitze.
3. Rosenmontagszug != Ausgehen. Was mein Karnevalskostüm angeht, wusste ich z.B. vorher genau, was ich anziehe.
Und die Dönerkopf-Sache lässt mich jetzt nicht mehr los. Du willst mir also damit sagen, dass Döner quasi leben? Ich meine, sie haben einen Kopf, wie eine Schildkröte und außerdem heißt es im Song ja “ich bin ein Döner” - philosophisch gesehen ist das Sein ja nur was für Lebenwesen, oder? Und gilt das auch für Falafel-Döner? Die haben ja auch zwiebeln. Und ist das dann noch vegetarisch? Fragen über Fragen.
@ Chrissy: Aw, dankeschön :D Also mal gucken, als ich klein war, wollte ich immer Bücher schreiben (hab ich sogar gemacht, haha), aber dann hab ich festgestellt, dass man für ein Buch ja so viel schreiben muss und habs irgendwie auf später verschoben ;)
@ Balu: Nudeln? Nee :( Wie doof, ich hab die ganze Zeit auf halbwegs sinnvolle Kamelle (obwohl Schokolade ja auch einen Sinn erfüllt) gewartet. Sowas wie Nudeln halt. Oder Schwämme! Das einzige, was ich gefangen habe, ist ein Aloe Vera Labello, der sehr komisch riecht (Aloe Vera halt).
Ah, wie immer ein höchst gelungener Blogeintrag. Das klingt alles wahnsinnig laut und karnevallig - und ich hab mal wieder nichts mitgekriegt außer den Nachbarskindern die mich als Polizisten bedrohten. Liegt wohl auch an meiner Wohnlage - in Ordnung, finde ich, wobei es spaßig klingt. (;
@ Ilinca: Dankeschön :) Ja, ich glaube, das ist immer eine Sache der Herkunft und wo man wohnt. Ich war einmal über Karneval in Berlin und da kriegt man davon ja auch kaum was mit, die meisten Leute wissen gar nicht, wann Karneval ist. Und hier bei uns ist über die Tage halt absoluter Ausnahmezustand und man kommt gar nicht drumherum, selbst wenn man es versucht.
Hm, der rheinländische Karneval hat mich noch nie so gepackt. Hab jetzt einige Jahre die schwäbisch-allemannische Fasnet mitgemacht, aber ehrlich: ich vermiss nicht soviel. :) Trotzdem, ich schließe mich den Lobeshymnen an, da muss man sich schon nicht die Karnevalssendungen im Fernsehen antun (was ich aber eh nicht mache ;) ).