Eine Stadt im Ausnahmezustand
“Man merkt, dass du Student bist.” meint eine Freundin zu mir. “Immer Zeit, immer unterwegs.” Ich zucke die Schultern. Irgendetwas muss man ja schließlich machen, wenn man nicht in der alltäglichen Einöde verrosten will.
Spontan fahren wir nach Groningen ins benachbarte Holland. Wo sonst eher Kunststudenten und ausgewanderte Deutsche leben, herrscht Ausnahmezustand. Das Noorderslag Weekend und Eurosonic Festival ist im vollen Gange, überall tummeln sich Menschen und auch die allerkleinste Bar wird zum Kulturzentrum erklärt. Das Programmheft: ein dicker Wälzer.
In einem Schuppen mit Retrotapete in der Innenstadt, beginnt unser Abend. Hier sind die holländischen Musikfans, dort die alten Männer aus der Musikindustrie, die großzügig ihre Portemonnaies zücken und Drinks spendieren. Manche von ihnen haben einen Bart, genauso wie die Musikindustrie auch und sie trinken Bier, stehen herum und notieren sich Dinge, während sie die Bühne stets aus dem Augenwinkel beobachten. “Do you know how I started? I sold fanzines in my hometown.” erzählt mir einer.
Die jungen Musiker irren geblendet vom Trubel euphorisch durch die gepflasterten Straßen, um schließlich in irgendeinem Coffeeshop, in einer Schwulenbar oder im Fastfoodrestaurant um die Ecke zu enden. Sie spielen auf kleinen und großen Bühnen, in Schaufenstern und Kellern und mal vor mehr, mal vor weniger Publikum.
Da sind zum Beispiel Ripchord aus England, die schon letztes Jahr beim Haldern Pop begeisterten. Und The Kissaway Trail aus Dänemark. Oder Calvin Harris, der sympathische Schotte, der mit seinen Elektrosounds und Remixen eine wahre Hysterie im Internet auslöste. “I don’t care what you dress like or what you wear, but please make sure baby you’ve got some colours in there” singt er und die bunte Menge tanzt zur Synthesizermusik, während es draußen in Strömen regnet.
Wir sitzen noch eine Weile vor der Retrotapete. “You’re lucky, nowadays you can have it all online.” meint der bärtige Ex-Fanzine-Verkäufer und er hat Recht. Die Zeiten ändern sich, sage ich. Er nickt. Immer Zeit, immer unterwegs - alles andere wäre ja auch langweilig.




Ach ja, Groningen. Ich mag diese Stadt. Bin auch ab und an da (ist ja von hier auch net sooo weit :D ). Ich mag das Lebensgefühl einfach. Hab irgendwie das Gefühl, dass es da mehr pulsiert. :) Wobei ich das mit dem Festival noch gar nicht mitgekriegt hatte, aber war ja auch schon wieder ne ganze Weile her… :)
Sehr kuul geschrieben :) Habe von alledem aber noch nie etwas gehört…schade!
@ Jules: Danke! Ich fand Groningen auch sehr schön, nicht ganz so gut wie Amsterdam und ein bisschen zu deutsch für meinen Geschmack (Was hat das denn für einen Sinn, wenn die alle Deutsch können? Macht doch gar keinen Spaß mehr…). Aber eine gute Freundin von mir wohnt dort, d.h. es war sicher nicht mein letzter Besuch.
Ich dachte früher immer, das Eurosonic wäre ein “richtiges” Festival mit einer festen Location und so, aber so wie es wirklich ist, gefällt es mir fast besser. Kann ich wirklich nur empfehlen, wenn du eh öfters dort bist! Nächsten Januar ists dann wieder so weit.
@ Yannick: Danke :) Du kannst dir ja mal die Website vom Eurosonic/Nooderslag Weekend angucken, das ist jedes Jahr im Januar mit viel Programm und für jeden Geschmack ist eigentlich etwas dabei - vor allem, wenn man sich gern neue Musik von morgen anguckt.
Stimmt schon, wobei ich es von den Nederlanden irgendwie gewohnt bin, dass die da alle halbwegs radebrechend deutsch können. Wobei ich trotzdem meist auf Englisch versuche zu verständigen.
Mir persönlich ist wiederum Amsterdam etwas zu hauptstädtisch. Aber das tut dem auch keinen Abbruch, dass ich beide Städte sehr mag. Was die Art des “Festivals” betrifft: ich find das irgendwie ne nette Idee. Weil man so einfach noch eine bisschen was von der Umgebung mitkriegt und es nun mal einen ganz besonderen Charme hat. Also wenn ich es nicht verplane, überleg ich mir, dass nächstes mal mit in den Kalender zu bringen ;)