Unterwegs

Aufruhr in der Vorstadt

Die pseudo-brisante Reportersendung Akte 07 berichtete kürzlich über eine besonders unerhörte Geschichte: Mitten in einer Wohngegend hatte ein Bordell eröffnet und die Betreiber schienen nicht von der zimperlichen Sorte zu sein. Eine 40.000€ teure Kamera wurde zerstört, das Reporterteam fürchtete um sein Leben, die Anwohner mussten leiden - überhaupt hatte jeder Todesangst. Und wo passierten all diese grausamen Dinge? Im beschaulichen Stadtteil Karlsruhe-Durlach!

Ich wurde hellhörig. Anfang letzen Jahres waren wir in Stuttgart unterwegs, wir sahen Art Brut zum damals zweiten Mal und nach einem genialen Konzert auf Augenhöhe mit Eddies Socken machten wir uns auf den Heimweg Richtung Köln. In Karlsruhe-Durlach endete die Fahrt, die Bahn machte wie immer eine mehrstündige Nachtpause und der Regionalzugverkehr war praktisch tot. Statt in der Innenstadt einen angeblich existierenden Indieclub zu suchen, wärmten wir uns in der Bahnhofskneipe auf. Immerhin war es Januar und ziemlich kalt.

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© Franzi

Grüne Pflanzen dekorierten die mit Gardinen verhängten Fenster und zusammen mit den blauen Lichtschnüren, die bei uns im Winter jeden Hochhausbalkon schmücken, kam fast ein Gefühl von heimischer Gemütlichkeit auf. Stargäste heute waren das Stimmungsduo DJ Siggi und Heike, für die in einer Ecke ein Keyboard sowie zwei Mikrophone bereitstanden. Das Publikum, bestehend aus zufälligen Durchreisenden, der städtischen Jugend und ortsansässigen Berufstrinkern begrüßte sie mit tobendem Applaus, scheinbar hatten sie sich eigens für diesen Anlass hier versammelt.

Siggi haute einen Hit nach dem anderen raus und als Heike schließlich noch bekannte Partyschlager von ihren in Klarsichthüllen gesammelten Songtexten zum Besten gab, kannte die Stimmung kein Halten mehr. Junge Mädchen in kurzen Stoffröcken tanzten in der Mitte der kleinen Kneipe und der ältere Inder an der Bar fand sichtlich Gefallen daran. Von ihm stammten auch die merkwürdigen Drinks, die uns die Kellnerin an den Tisch brachte, während er jedes Mal verheißungsvoll hinüberlächelte.

Die jungen Mädchen drehten sich im Takt der Musik und manche von ihnen werden sicher in zehn Jahren noch hierhin zum tanzen kommen. Bevor Siggi als Zugabe “Der liebe Gott weiß, dass ich kein Engel bin” anstimmte, machten wir uns aus dem Staub und waren pünktlich zum Frühstück wieder zu Hause. Jedes Mal, wenn ich nun blaue Lichtschläuche sehe, denke ich zurück an Siggi und Heike. An die Bahnhofskneipe, das Keyboard und die tanzende Vorstadtmädchen, die Wodka Red Bull trinken und den alten Männern reiheweise den Kopf verdrehen.

7 Kommentare zu “Aufruhr in der Vorstadt”

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