Auf Tour
Mein Lebensstil war nie konventionell, allerdings auch nie sonderlich spannend. Man neigt ja doch dazu, am liebsten nur das zu tun, was man am besten kann und sich freizeittechnisch auf das zu beschränken, was einem am meisten Spaß macht. Bei mir war es immer die Musik und ein gewisser Drang, rauszukommen. Dass man das gut kombinieren kann, fällt einem spätestens auf, wenn man vierzehn und gelangweilt ist, während draußen etwas abgeht, das sich Leben nennt und irgendwie bunt und scheinbar grenzenlos ist.
Um eines vorweg klarzustellen, hier geht es selten um Fanatismus aus Kelly-Family-Zeiten (die ich leider oder vielleicht Gott sei Dank nie aktiv miterlebte), vielleicht geht es eher ein bisschen um Realitätsflucht und primär um Egoismus. Warum tun wir gewisse Dinge? Weil wir es können.
Wenn man armer Student oder einfach generell, berufsunabhängig und chronisch arm ist, bietet einem die Deutsche Bahn ein gutes, neues Zuhause, wenn auch nicht immer so billig und schnell, wie man es gerne hätte. Doch nicht selten trifft man durchaus interessante Leute, wie eine seltsame Wochenendticket-Reisegruppe, die ihre Fahrkarte mit uns teilten, oder einen Bundeswehrsoldaten, der vom Kosovo und Schikanen beim Wehrdienst erzählte. Bahnhöfe sind irgendwie doch immer gleich, kennt man einen, so ist zumindest die Chance groß, sich auch auf anderen zurechtzufinden. Überall schleppen Menschen schwere Koffer, kutschieren Kinder oder sitzen einfach nur herum, als hätten auch sie sich an einem öffentlichen Platz kurzzeitig eingenistet.
Trotz global village sind Land und Leute überall verschieden, wenn man nur genau hinschaut, wird man stets daran erinnert, dass sich die Reise lohnt und man sich tatsächlich auf neuem Terrain bewegt. In Bayern vermisst man schmerzlich die rheinische Kioskkultur und die Preise an der Bar lassen die Vermutung aufkommen, das Bier sei zusätzlich auch noch vergoldet. In Stuttgart hingegen scheint die Sonne und ein wunderschöner Park lässt einen murmelnd alle Vorurteile über mittelgroße, sonst eher unscheinbare Städte revidieren.
Im sonnigen Park führt die Mischung aus Schlafentzug und Adrenalin zu Gesprächen über chinesische Nudeln, Regenbögen, schottische Akzente und Pocket Coffee. Ein Mann mit Hut zieht einen Karren hinter sich her und besticht Jugendliche mit Süßigkeiten, um sie dann über die Gefahren von “Wochenendsaufen, Jugendgewalt und Sexualproblemen” aufzuklären - es scheint zu wirken, die Gruppe setzt sich zu ihm ins Gras, schlürft Cola und schmunzelt hin und wieder angesichts seines Vortrags.
Es gibt viele Dinge, die das Herumreisen als sinnvolle Freizeitbeschäftigung legitimieren und der Grund dafür sind, dass ich nie darauf verzichten wollte. Städte erkunden, durch die Fußgängerzonen schlendern und in der Sonne Kaffee trinken. Sonnenbrillen kaufen, Clubs suchen und für eine Sekunde überlegen, ob man sich bei der Samy-Deluxe-Autogrammstunde im Schuhladen anstellen soll. Spätestens, wenn die Sonne untergeht, erlebt man die ersten Déjà-vus, vorausgesetzt, man hat die Stadt vor kurzer oder längerer Zeit schon einmal besucht. “Hier war ich schon mal! Die Straße! Das sieht ja immer noch genauso aus!”
Und die Musik. Nicht, dass sie zur Nebensache wird, irgendwie ist sie ja immer noch der rote Faden bei allem, was passiert und sie begleitet einen an jeden Ort. Konzerte sind keine Kinofilme, die identisch Tag für Tag vor wechselndem Publikum abgespielt werden. Vielmehr entwickelt jeder Abend seinen eigenen Charakter, mal ist es laut, mal drängen sich die Leute vor der Bühne und mal ist es gemütlich wie im heimischen Wohnzimmer.
“Hello ladies!” Wenn man später zusammensitzt bei gin in teacups ohne Gin und in der Müslischüssel-Version (Gläser waren leider alle oder nicht auffindbar), zu DJ-Sets des Tourmanagers tanzt oder sich in Dönerbuden über das Gratis-Brot freut; wenn man sich morgens Zahnpasta schnorrt und sich mit dem Taxi zwei Minuten um die Ecke kutschieren lässt, dann wird man sich den kleinen großen Freuden des Lebens bewusst. Es ist eben nicht immer Reihenhaus mit Garten oder der American Apparel Pulli, und auch nicht das Notebook, auch wenn es das Leben zugegebenermaßen geiler macht.
Erinnerungen können vergänglich sein, am Ende hält man oft wenig in der Hand und besitzt nichts Materielles, mit dem man tolle Dinge tun oder seine Mitmenschen in der Straßenbahn beschallen kann. Ein Abend wird lediglich dokumentiert von Stempeln auf dem Handgelenk und einer Einwegkamera. Irgendjemand von der Vorband nimmt den Plastikapparat vom Tisch, knipst wild um sich und zieht gezielt mit dem Daumen den Film wieder auf. Da stammt wohl auch jemand aus der Zeit, als die kleinen Kinder noch nicht “Zeig mal! Zeig mal!” und “Lösch das!” brüllten, wenn man Fotos von ihnen machte.
Hätte ich Schokolade im Haus, würde sie vielleicht ganz gut das Loch stopfen, das plötzlich in den eigenen vier Wänden vor einem klafft. Die Leere und die Entzugserscheinungen der Vergnügungssucht unserer Generation - die nahe Zukunft liegt erst einmal in einer Wolke aus Langeweile. “Daran ist noch keiner gestorben.” sagt Franzi. Und sie hat Recht.













Toll geschrieben, kannst du mir bei Gelegenheit mal deine ICQ Nummer geben per E-Mail. Dankesehr. (Habe es nicht vergessen!)
[...] Beitrag, klasse Ansichten und so verdammt viele Wahrheiten. Los lesen » 25.02.08 0 [...]
@ Jens: Dankeschön :) Und wird gemacht, gleich müsstest du eine Mail haben.
Toller Beitrag. Ich habe lange nicht mehr deine Blogeinträge gelesen, meist weil ich zu faul war so viel zu lesen, aber es lohnt sich wirklich. Sehr toll, weiter so!
“weil ich zu faul war so viel zu lesen [...]”
Jaja,so gings mir ´ne Zeit lang auch. Lohnt sich wirklich die Eigenschaft übern Haufen zu werfen.
Geil geschrieben und Recht haste!
@ Adrian: Dankeschön!
Und das mit dem zu-faul-zum-viel-lesen kenn ich auch, ich bin ja genauso. Aber hab mir manchmal Gedanken gemacht, ob meine Posts nicht zu kurz sind, weils ja meist irgendwelche Stories waren und die ja eigentlich länger sein müssten. Aber scheint ja nicht der Fall gewesen zu sein. ;)
@ René: Danke!
&Ja, ich weiß schon, was ihr meint, ich überfliege oft auch lieber Dinge und les nicht gern lange Sachen. Aber bei so Texten geht’s halt nicht anders, nur wenns halt um reine Info geht, dann sollte es im Internet kurz, knackig und übersichtlich sein.
Der Beitrag hat etwas nachdem ich mich sehne. Einfach mal rumzureisen. Am besten eine Konzerttour. Eine Woche oder länger einfach mal weg. Ein paar Sachen schnappen. Jeden Abend ein anderes Konzert. Eine andere Stadt. Sommerfeeling is comming!
Toller Beitrag!
Sehr schöner Artikel, macht mich allerdings etwas wehmütig, weil ich so selten raus und rumfahre und wann bitte war mein letztes Konzert? Da müsste ich dochmal wieder über meinen Schatten springen & ärgere mich selbst drüber.
@ Hoizge: Also wenn du die Chance und Möglichkeit (d.h. ne entsprechende Band mit entsprechenden Dates) hast, dann machs auf jeden Fall. Vor allem wenns jetzt im Frühling wieder warm wird, ists so schön, einfach herumzureisen, andere Städte zu sehen, nette Leute zu treffen und jeden Abend ein Konzert zu haben und zu feiern. Und man lernt einfach so viel dazu (fürs Leben und so, auch wenns pathetisch klingt) :)
& Dankeschön!
@ Nina: Danke :) Ja, das kenn ich auch, es gibt so viele Dinge, die man gern machen möchte und theoretisch vielleicht sogar könnte, aber man muss sich einfach nur dazu aufraffen und es tun und dann kann man gar nicht mehr genug davon bekommen ;)
Hach ja, ein Hoch auf den der im Bahnhof arbeitet!!! (damit bin ich gemeint *G*)
Ich mag deinen Blog und was du schreibst. Auch wenn du mich nicht mehr verlinkt hast :|
@ Chrissy: Echt, du arbeitest im Bahnhof? Stell ich mir spannend, aber auch… naja, bei Zeiten ein wenig extra-stressig vor ;)
@ Julian: Dankeschön :)
Und das mit dem Verlinken war keine Absicht, ich mag deine Seite eigentlich auch gern, hab nur irgendwie ein wenig den Überblick über meine Blogroll verloren. Aber jetzt bist du wieder drin!
bin jetzt wegen dem Lesebefehl von Marten hierher gekommen und es hat sich gelohnt. wirklich guter text!