Persönlich

Schlaflos

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© Lewis Chaplin

Ich zog mich an und schlich aus dem Haus. Ich weiß nicht, warum ich es heimlich tat, denn es war niemand da. Niemand, den es stören könnte und niemand, der mich vermissen würde. Ich hätte laut polternd nach draußen stürmen und die halbe Welt verfluchen können und lediglich meine Nachbarn hinter den papierdünnen Wänden hätte es aus dem Schlaf gerissen. Dann waren sie genauso schlaflos wie ich.

Der Zug war leer. Ein paar seltsame Gestalten saßen mit mir im Wagen: ein Mann mit Hut, der seine Taschen und Tüten auf dem ganzen Vierer verteilte hatte und irgendwie traurig guckte. Zwei junge Männer in weißen Hemden, die den klaren Wodka pur aus der Flasche tranken und schon lange von all ihren Kräften verlassen worden waren.

Ich schloss die Augen. Ich wusste noch, wie ich hier saß, mit dem kribbeligen Gefühl der Vorfreude im Bauch, die Minuten bis zum Kölner Hauptbahnhof zählend. Draußen tauchte die Sonne die Landschaft in einen goldenen Schimmer und obgleich ich jeden Baum, jedes Haus, ja sogar jeden Stein in und auswendig kannte, hatte ich an diesem Tag laufend neue Dinge auf meinem Weg in die benachbarte Großstadt entdeckt. Ich bemerkte das pinke Grafitti an der Hauswand und zugleich, das da etwas in mir war. Ein Funke Hoffnung.

Heute war alles dunkel. Hier und da waren erleuchtete Fenster und das Industriegebiet, dessen Anblick mich sonst stets beeindruckte, entlockte mir nur einen müden Blick. Fast hätte ich die Haltestelle verpasst, obwohl ich sie kaum hatte erwarten können.

Der Club war dunkel und an den glitzernden Wänden spiegelte sich das Licht. Ich nahm die anderen Menschen um mich herum nur aus den Augenwinkeln wahr, sie interessierten mich nicht. Waren Statistem für diese eine - meine - Nacht. Die laute Musik versetzte mich in einen Rausch, obwohl ich komplett nüchtern war. Ich hatte schon lange nicht mehr getrunken, ich brauchte es nicht. Es machte mich schwach und unzurechnungsfähig.

Wenn ich mich unter die Menschen auf der Tanzfläche mischte, fühlte ich mich, als tauche ich in tiefes Wasser ein. Als Kind hatte ich mich oft stundenlang mit Schnorchel unter Wasser auf den Schwimmbeckenboden gesetzt und einfach regungslos die Ruhe genossen. Die Isolation. Bis die Bademeisterin mich bat, mich doch öfter zu bewegen, damit sie ausschließen könne, ich sei ertrunken.

“Hey, wie geht’s?” Meine heutige Bademeisterin in Gestalt eines jungen Mädchens in Leggins und T-Shirt riss mich aus meinen Gedanken. Ich nickte ihr im Takt der Musik zu und versuchte fieberhaft, mich an sie und Details zu ihrer Person zu erinnern.

“Bist du ganz allein hier?” Ich nickte wieder. Ich erinnerte mich nicht an ihren Namen, aber ich hatte sie eines nachts in einer kleinen Kneipe kennengelernt, wo die inoffizielle Aftershow eines Konzertes stieg und die Engländer mit billigen Drogen um sich warfen. Wir hatten derweil auf Barhockern gesessen und uns Drinks ausgeben lassen.

Nun trafen wir uns wieder in der brutalen Realität. Ein Typ mit Karohemd schüttete mir Bier über das Kleid, aber mir fehlte die Kraft, mich verärgert umzudrehen. So ging es eine halbe Stunde, vielleicht länger. Ich vergaß die Zeit, aber das war ohnehin mein Ziel gewesen. Zugegeben, die Party verfolgte einen anderen Sinn: Spaß, Tanzen und Alkohol. Und ich stand hier auf der kleinen Tanzfläche und versuchte, über die Musik, die ich nur aus Trägheit nicht mitsang, alles andere zu vergessen.

Als ich nach draußen stolperte, wurde es fast schon wieder hell. Ich war wieder allein. Oder immer noch.

2 Kommentare zu “Schlaflos”

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