Persönlich

Haare sind übrigens ein rudimentäres Organ…

… brachte mir einst meine Biolehrerin bei. Daran musste ich denken, als ich heute auf dem Frisörstuhl saß. Meine Haare sind wieder gestufter, ich bin glücklicher und meinem Vater ist es natürlich gar nicht erst aufgefallen.

Die Bezeichnung “Friseuse” ist abwertend gemeint, habe ich mir sagen lassen, daher nenne ich sie nun “Frisörin”, neudeutsch eben. Wie dem auch sei, ich bezahle eine Frisörin (im Billigladen sind es immer verschiedene) im Grunde dafür, dass sie mir die Haare schneidet. 14€ für waschen, schneiden, selberföhnen; 16 €, wenn sie mich überredet, noch eine Sprühpflege zu nehmen, weil meine Haare ja so kaputt und vertrocknet sind.

Wenn ich alt bin und keinen mehr zum reden habe, werde ich vielleicht auch den Unterhaltungsservice meiner Frisörin nutzen - aber momentan kann ich getrost drauf verzichten, wenn es sich dabei um eine fast karikierte junge Frau handelt, wie sie glatt in “Alles Atze” vorkommen könnte.

haare.jpg
© The Cobrasnake

Es ist schon eine ganze Weile her, eine Freundin war zu Besuch und begeistert von ihrem neuen Haarschnitt mussten wir direkt unseren lokalen Frisörsalon aufsuchen, damit auch ich mit ihrer Haarpracht mihalten konnte.

Ich kam an die Reihe und die Frisörin (jung, blondgesträhnte lange Haare und einen Brilli auf dem Eckzahn) begann zu schneiden. Ich unterhielt mich derweil mit meiner Freundin und wir planten den Rest unseres Tages. Vielleicht ein bisschen in Köln herumlaufen, eine nette Bar suchen, reden.

“Geht ihr heute abend noch nach Köln?” ertönte sofort eine hohe Stimme von der Seite. “Ja, das hatten wir eigentlich vor.” erwiderte ich und betrachtete mich wieder im Spiegel. Ein paar Haarsträhnen fielen herunter und ich freute mich auf meine neue Frisur.
“Also ich kenne da eine tolle Bunny-Party, die kann ich nur empfehlen! Ist total supi da!”

Ich lehnte dankend ab. Das sei nicht so unser Style und überhaupt wollten wir es doch eher etwas ruhiger angehen lassen. Das verstand sie natürlich sofort. “Ja, es mus ja nicht immer Party sein. Ist diese Länge okay?” Sie hielt eine Haarsträhne zwischen ihren Fingern, ich nickte und die Schere glitt wieder durch meine Haare.

Themawechsel. “Und, was machst du so?”
“Ich bin Abiturientin.”
“Oh!” Ihre eigentlich säuselnde Stimme klang fast bewundernd, dabei war ich noch nicht mal so wirklich stolz darauf. “Bei mir hat es leider nur für die Hauptschule gereicht. Aber macht ja nichts. Und was willst du später mal machen?” Die Holzhammer-Frage.
“Etwas in der Medienrichtung. Vielleicht was auch Kreatives.” Diese knappe und recht allgemeingültige Antwort sollte genügen und möglichst verschleiern, dass ich es selbst nicht so genau wusste.

“Also ich bin ja auch sehr kreativ…” Volltreffer. “Mathe war nie so mein Fall, aber ich hab immer schon gern gemalt und ich versuch das immer mit meinem Beruf zu verbinden.”
“Ahja, na das kann man ja recht gut.”
“Letztens, da hab ich so Schablonen entworfen, weißt du, für Männer, die sich etwas auf den Kopf rasieren wollen. Einmal ein Playboy-Bunny, das ist sehr gut angekommen. Aber auch andere Muster, Tribals und so.”

Ich zeigte mich beeindruckt und stellte mir die Männer vor, die mit einem rasierten Playboy-Bunny auf der Seite ihres Schädels durch die Straßen von Köln liefen. Sowas hat in etwa den Charme eines Eiterpickels, aber ich lächelte freundlich und ärgerte mich innerlich über meine Unehrlichkeit.

Meine Friseuse brachte den Spiegel, ich begutachtete den Schnitt von hinten und freute mich über die kleine Veränderung. Sie freute sich ebenfalls, schon wieder einer Kundin den langweiligen Frisörbesuch ein bisschen versüßt zu haben. “Wiedersehn!” flötete sie uns hinterher.

Seitdem habe ich sie nie wieder gesehen.

17 Kommentare zu “Haare sind übrigens ein rudimentäres Organ…”

Einen Kommentar schreiben

Name (erforderlich)
eMail (erforderlich)
Webseite