Persönlich

Brotlose Kunst

Um mal wieder ein wenig Pepp in mein Leben zu bringen, erzählte ich meinen Eltern beim Abendessen, dass ich in eine Altbauwohnung nach Berlin ziehen wolle, um Schriftstellerin, Künstlerin oder Musikerin zu werden. Eigentlich wollte ich sie aus Spaß nur ein wenig schocken, aber sie blieben erstaunlich gelassen. “Schriftstellerin, das wär natürlich was für dich.”

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© The Skullset

Nachdem mein Onkel aus Madrid zurück war, wo er sich erfolgreich vor dem deutschen Wehrdienst gedrückt hatte, gab er ein silbernes Buch über Geisteswissenschaftler in der Wirtschaft heraus, in dem er unter anderem sich selbst und täglichen Sport anpries. Vor Ewigkeiten einmal schenkte er mir “Wie man einen verdammt guten Roman schreibt” von James N. Frey - damals war ich vielleicht 11 Jahre alt und seitdem habe ich das Buch mindestens fünfmal gelesen. Der Autor schrieb über Prämissen, Humbert Humberts Psyche und dem inneren Konflikt der Protagonisten und jedes Mal, wenn ich das Buch beendet hatte, schien der eigene Roman zum Greifen nahe. Ich wollt es wissen, denn nicht umsonst hatte ich mit 7 Jahren haufenweise Kassetten mit meiner unbescholtenen Stimme besprochen und dem Rekorder meine Geschichten erzählt.

“Nie etwas ausdenken, sondern dem Leben vertrauen.” lehrte mir Wladimir Kaminer und das ist in der Tat auch das, was ich mir immer wieder vor Augen führe. Wenn man richtig hinguckt, steckt das Leben voller Geschichten, die aufgeschrieben werden wollen. Voller Merkwürdigkeiten, Exzesse und Absurditäten, die man gar nicht besser hätte erfinden können.

Nun lebt mein Onkel in China um Remake-Drehbücher zu schreiben und wenn ich einmal mein erstes Buch veröffentliche, werde ich es ihm mit der Notiz “falls verstorben, bitte zurück” zukommen lassen.

6 Kommentare zu “Brotlose Kunst”

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