Heute telefonierte ich mit Franzi, sie wohnt nun nahe Leeds in England. Dort, wo jeder Schüler eine ID-Card um den Hals tragen muss, damit niemand auf der Schule die Polizei ruft, und die Leute einen liebenswerten Akzent sprechen, den der ein oder andere ungebildete Deutsche noch nicht einmal als vernünftiges Englisch wahrnehmen würde.
Es gibt allerdings auch Menschen aus Leeds mit schönen Akzenten. Ricky Wilson zum Beispiel, in dem ich mich auf einem Showcase im Februar unterblich verliebte - weil er meiner Meinung nach meinem Lieblingsmusiker ähnelt und das, obwohl die Kaiser Chiefs schon fast zu Mainstream zum cool sein sind.

© Emo Squid
Die Sache mit den ID-Cards hat mich trotz allem am meisten geschockt. Natürlich weiß man so bei der ersten Begegnung gleich, wie das Gegenüber heißt und in welche Klasse er oder sie geht, wirkt allerdings gleichzeitig wie bestellt und nicht abgeholt. Ich fühlte mich zurückerinnert an die Zeit als sehr junger Fluggast mit einer gelborangenen, hässlichen LTU-Mappe um den Hals, die meine persönlichen Daten sowie Informationen über meine Reise enthielt. Damit ich auch ja am Ziel ankomme. Meist trug ich diese Tasche in der Hand, das sah cooler aus und man wirkte nicht ganz so bescheuert.
Als ich 9 war, flog ich das erste Mal allein in die Schweiz. Dort wohnte mein Onkel, bevor er zum Drehbuchschreiben nach China auswanderte und er nahm mich gerne für ein paar Tage bei sich auf. Ich fand das Fliegen spannend, denn als alleinreisendes Kind genoss man die volle Aufmerksamkeit der Stewardess, bekam Malbücher und Känguru-förmige Chips umsonst und durfte als erster ein- und aussteigen, sowie im Zubringerbus beim Fahrer sitzen. So lernte ich Daniel kennen, ebenfalls alleinreisend und aus Köln. Er war ein wenig jünger als ich und rief ständig über den Not-Knopf die Stewardess, um sie nach neuen Malbüchern zu fragen. Sie half ihm gern, bat ihn jedoch, in Zukunft nur noch bei Notfällen zu drücken. Gesagt getan, es bimmelte wieder. “Habt ihr auch noch einen Spitzer?” Die arme Frau war mit ihren Nerven am Ende.
Jetzt fliege ich nur noch mit Billigfluglines, beteilige mich am CO2-Ausstoß und muss vor allem keine hässliche Mappe mehr um den Hals tragen. Die britischen Schüler übrigens finden die ID-Sache ganz in Ordnung (”damit keiner randaliert”) und Ricky Wilson spielt im November in den größten Hallen, die unser Land für Pseudo-Indie-Konzerte zu bieten hat. Wird wohl nichts mit der Hochzeit.