Unterwegs

© Aennekin
In etwas weniger als 2 Stunden fährt mein Zug und die Zeit bis zum 18. September werde ich mal wieder in Berlin verbringen. Unsere geplanten Aktivitäten reichen von indisch Essen über IAMX bis hin zu ominösen Clubnights und ich bin gespannt, was das Leben so bringt.
Werd mich jetzt mal anziehen und mein Online-Bahn- und Flugticket ausdrucken. Schönes 21. Jahrhundert. Bis nächste Woche! (Auch wenn ich für das ein oder andere Berlin-Update sicher nochmal den Weg zu einem Computer finden werde.)
Donnerstag, 13. September 2007
Persönlich

Diese Frankokanadier, mit denen ich gestern Abend das Vergnügen hatte, nennen sich Malajube. Sie singen auf Französisch, aber live merkt das kaum einer und ich bin überzeugt, dass sie genauso gut Kochrezepte singen könnten.
Meine Französischkenntnisse beschränken sich im Allgemeinen auf “Je m’appelle Ines et j’aime la musique du rock”, außerdem kann ich spärlich bis 10 zählen. In der 11. Klasse dachte ich mir als langjähriger Lateinschüler, es sei cool, jetzt noch schnell eine lebende Fremdsprache zu lernen - man muss schließlich alles mitnehmen, was man kriegen kann. Dass Schule allerdings kein Supermarkt ist, lernte ich schnell. Schon als unsere Lehrerin mit deutschem Doppelnamen uns auf Französisch begrüßte, wusste ich: Dieses Fach wähle ich so schnell wie möglich wieder ab.
Wenigstens bestand der gesamte Kurs aus Anfängern und wir lernten alles von Grund auf - die einen langsamer, die anderen schneller. Da war zum Beispiel mein Sitznachbar Marcus, der immer mit Tintenroller schrieb und mir während der Stillarbeit Dinge wie “La erection!” ins Ohr flüsterte - dabei weiß doch jedes Kind, dass “die Erektion” im Französischen männlich ist und es somit “L’erection!” heißen müsste.
Da die Französischstunden in die nullte Stunde fielen, war es teilweise noch mitten in der Nacht, wenn wir uns im ersten Stock zur fröhlichen Runde versammelten und man sah die glühende Sonne am Himmel hinter Porta aufgehen. Trotz dieser Romantik wählte ich nach schon einem halben Jahr Hals über Kopf ab. Auf meinem Abizeugnis steht nun “Französisch - 11.1 bis 11.1″ und darauf bin ich mächtig stolz.
Mittwoch, 12. September 2007
Kultur

Was ist los mit dieser Welt? “Heul doch, Emo!” heißt eine neue Foto-Love-Story der BRAVO und sie handelt von einem süßes Emo-Girl, das mit seiner neuen Emo-Clique gegen fiese Vorurteile kämpft. Abgesehen von den sehr realitätsnahen Dialogen, den Schenkelklopfer-Emowitzen, den aus dem Leben gegriffenen Gedanken und der cleveren Storyline, doch irgendwie beängstigend.
Montag, 10. September 2007
Unterwegs
Heute telefonierte ich mit Franzi, sie wohnt nun nahe Leeds in England. Dort, wo jeder Schüler eine ID-Card um den Hals tragen muss, damit niemand auf der Schule die Polizei ruft, und die Leute einen liebenswerten Akzent sprechen, den der ein oder andere ungebildete Deutsche noch nicht einmal als vernünftiges Englisch wahrnehmen würde.
Es gibt allerdings auch Menschen aus Leeds mit schönen Akzenten. Ricky Wilson zum Beispiel, in dem ich mich auf einem Showcase im Februar unterblich verliebte - weil er meiner Meinung nach meinem Lieblingsmusiker ähnelt und das, obwohl die Kaiser Chiefs schon fast zu Mainstream zum cool sein sind.

© Emo Squid
Die Sache mit den ID-Cards hat mich trotz allem am meisten geschockt. Natürlich weiß man so bei der ersten Begegnung gleich, wie das Gegenüber heißt und in welche Klasse er oder sie geht, wirkt allerdings gleichzeitig wie bestellt und nicht abgeholt. Ich fühlte mich zurückerinnert an die Zeit als sehr junger Fluggast mit einer gelborangenen, hässlichen LTU-Mappe um den Hals, die meine persönlichen Daten sowie Informationen über meine Reise enthielt. Damit ich auch ja am Ziel ankomme. Meist trug ich diese Tasche in der Hand, das sah cooler aus und man wirkte nicht ganz so bescheuert.
Als ich 9 war, flog ich das erste Mal allein in die Schweiz. Dort wohnte mein Onkel, bevor er zum Drehbuchschreiben nach China auswanderte und er nahm mich gerne für ein paar Tage bei sich auf. Ich fand das Fliegen spannend, denn als alleinreisendes Kind genoss man die volle Aufmerksamkeit der Stewardess, bekam Malbücher und Känguru-förmige Chips umsonst und durfte als erster ein- und aussteigen, sowie im Zubringerbus beim Fahrer sitzen. So lernte ich Daniel kennen, ebenfalls alleinreisend und aus Köln. Er war ein wenig jünger als ich und rief ständig über den Not-Knopf die Stewardess, um sie nach neuen Malbüchern zu fragen. Sie half ihm gern, bat ihn jedoch, in Zukunft nur noch bei Notfällen zu drücken. Gesagt getan, es bimmelte wieder. “Habt ihr auch noch einen Spitzer?” Die arme Frau war mit ihren Nerven am Ende.
Jetzt fliege ich nur noch mit Billigfluglines, beteilige mich am CO2-Ausstoß und muss vor allem keine hässliche Mappe mehr um den Hals tragen. Die britischen Schüler übrigens finden die ID-Sache ganz in Ordnung (”damit keiner randaliert”) und Ricky Wilson spielt im November in den größten Hallen, die unser Land für Pseudo-Indie-Konzerte zu bieten hat. Wird wohl nichts mit der Hochzeit.
Sonntag, 9. September 2007
Kultur
Morgen sehe ich zum zweiten Mal The Twang (UK). Eigentlich finde ich diese Band grottenschlecht, die Indie-Hype-Version von Good Charlotte gekreuzt mit Wannabe-The-Streets und zwei Frontmännern, von denen einer im Grunde genommen vollkommen überflüssig ist. Gegen die sind selbst The Enemy spannend.

© The Twang
Aber ich gehe hin, weil ich umsonst reinkomme und um die Band in meinem Konzertbericht zu verreißen und frage mich gleichzeitig, wie pathetisch ich schon bin, dass ich meine Zeit mit Dingen verschwende, von denen ich schon im Vorneherein weiß, dass sie schlecht sein werden.
Doch ich bin nicht allein. Wir tun vieles, was wir eigentlich auch sein lassen könnten und verschwenden unsere Zeit mit unnötigen Dingen. Wir lesen langweilige Bücher “die man mal gelesen haben sollte” und wissen schon vorher, dass sie uns nicht gefallen werden. Wir zahlen 6 Euro für einen bescheuerten Kinofilm und ziehen uns stundenlang dämliche Fernsehserien rein, um am Ende mitreden zu können. Wir zwängen uns in unbequeme Kleider, nur weil sie scheinbar “in” sind und quälen uns durch uninteressante Blogs, nur weil sie weit oben in den Deutschen Blogcharts vor sich hin dümpeln.
Kultur ist irgendwie scheiße. Aber bevor ich Freitagabend zu Hause bleibe, ziehe ich mir eben eine überbewertete Band rein, mache das Beste draus und höre auf zu meckern. Denn Meckern ist noch beschissener als Kultur und The Twang zusammen.
Freitag, 7. September 2007
Persönlich
Meinen Radiowecker habe ich seit einem guten halben Jahr nicht mehr benutzt. Früher, als ich noch zur Schule ging, schaltete er sich jeden Morgen pünktlich um 06:30 ein und ich wurde bereits vom leisen Knistern wach, noch bevor die erste Musik ertönte. Diese klang meist eh seltsam, denn beim Fernsehen ist mir oft langweilig und ich mache mir einen Spaß daraus, mit der Schnurantenne zu spielen und sie zu ent-isolieren.
Seit März also steht der Radiowecker hinter meiner Gardine und verstaubt. Und selbst wenn er immer zuverlässig die Zeit anzeigt, bin ich meist zu faul, den Kopf zu heben und werfe lieber einen Blick auf meinen Satellitenreciever oder die Schallplattenähnliche Wanduhr, auch wenn die keine Zahlen hat und man eher die Zeit schätzen muss.

© Robin Madden
Geweckt werde ich entweder Mittags um 2 von meinem Vater, der die Wohnung in wundersame Gerüche taucht und schließlich “Wir können essen!” durch das gesamte Haus brüllt, oder von meinem Handy, das seit Jahren den evangelischen Kirchenklassiker “Aufstehn’, aufeinander zugehn’” als einzigen Klingelton besitzt.
Manchmal ruft auch um 10 eine Frau von der Barmer an und erkundigt sich nach meinen Zukunftsplänen (”Ist das jetzt sicher, dass Sie etwas in der Richtung Medien studieren werden?”), oder eine euphorische Stimme begrüßt mich nach gefühlten 3 Stunden Stille in der Leitung mit den Worten “Herzlichen Glückwunsch! Sie wurden soeben von unserem Zufallsgene…” - wie es weitergeht weiß ich nicht, denn meist lege ich schon vorher auf.
Ich schlafe weiter bis es Essen gibt oder mein Vater widerwillig den Adoptivkater hereinlässt, der lautlos auf mein Bett springt, sich auf mich stellt, seinen Kopf an mir reibt und sich beschwert, dass sein Napf schon wieder leer ist. Irgendwann legt er sich neben mich und pennt. Katze müsste man sein. Die schlafen und fressen nur, haben keine Sorgen und werden immer gestreichelt.
Mittwoch, 5. September 2007