Ein Tag im Leben eines 0815,5-Menschen
Ich hasse es. Mein Wecker klingelt um 6:50 und während irgendein Mist bei Einslive läuft, schlafe ich halb wieder ein und wache um 7:04 mit einem Ohrwurm von James Blunt auf. Na danke. S-C-H-L-A-F-E-N. Ich glaub, ich schmeiß alles wieder hin, dann kann ich jeden Morgen ausschlafen.
Die Lockführer fordern mehr Lohn statt Schlaf und ich nehme lieber die 16, die fährt zwar gefühlte zwei Stunden, dafür aber immer und zuverlässig. Vorsichtshalber schlafe ich ohne Musik in den Ohren, in der Hoffnung, dass ich wach werde, falls ich im Schlaf anfange zu reden. Möglichst bevor es die ganze Bahn mitkriegt, die um die Zeit hauptsächlich von Rentnern bevölkert ist. Kurz vor Bonn quetscht sich eine Oma neben mich, dabei wäre gegenüber noch ein ganzer Platz freigewesen. Für einen Augenblick überlege ich, aufzustehen, aber die Oma wirkt recht fidel. “Geht das so für Sie?” fragt sie mich. “Ja, kein Problem, aber ist das Ihnen nicht zu eng? Soll ich aufstehen?” - “Nein, passt schon.” Ich versuche, mit den Schultern zu zucken, aber diese sind zwischen Bahnwand und ihrem Oberarm eingequetscht. “Steh auf!” scheinen mir ihre Hüften zu signalisieren, aber ich bleibe schon allein aus Prinzip sitzen.
Kurz vor 10. Dank Gott existiert das akademische Viertel, sprich cum tempore oder 15 Minuten Verzögerung und ich muss nicht rennen. Meine Schuhe sind sowieso, wie so ziemlich 50% meiner Klamotten, kaputt und alles tut mir weh. Wie schön könnte ich mich jetzt in den Hofgarten auf die nasse Wiese legen und schlafen… Aber warum meckern, andere Leute sitzen nun schon seit 2 Stunden im Büro oder stehen seit 6 Stunden in der Backstube. Im Hörsaal angekommen bin ich wach und der Tag vergeht unspektakulär aber recht interessant.
Während wir in unserer Sprachliche-Kommunikation-Übung durchzählen, denke ich nach. Vielleicht sollte ich mal meinen zukünftigen Hausmeister anrufen. Ihm sagen, dass ich den Schrank behalten will, das Bett auch, nur die Regale nicht. “Eins…” - “Zwei.” - “Drei!” - “Vier…” - “…” - “Hey, du bist dran!” - “Oh…vier!” - “Hatten wir schon!” - “Fünf.” - “Sechs.” - “Acht!” … Ich muss mich um meine Fahrten kümmern, Geld sparen, packen. Wochenende in der Eifel, Festivaltour nach Amsterdam, 3 Tage in Berlin und Silvester in London, das klingt nach Jetset, dabei schlage ich mich mit Minimalbudget herum und renne der kleinen Eurolines-Bude am Breslauer Platz die Türe ein, um dann zu erfahren, dass sie nur Dienstags und Samstags fahren. Und Sonntags und Mittwochs wieder zurück, oder so. Also doch wieder last-minute-Bahn, oder Kifferbusse, die es geschafft haben, im Internet ein Mitfahrangebot zu inserieren. Irgendwann sind wir bei “Achtundvierzig.” angelangt. “Also rund fünfzig.”
Zu Hause angekommen ist mein “Heute gehst du um 10 ins Bett, dann kannst du morgen ausschlafen!”-Vorsatz fast verflogen, obwohl ich bei Cobra 11 fast einpenne, und ich packe meine Reisetasche. Eifel wird es diesmal, Erstsemesterfahrt, Bitburg. Kommt da nicht Bitburger Pilsener her? Und warum liegt diese Stadt dann in der tiefsten Eifel und nicht im Norden? Und wo zum Teufel sind meine Sportschuhe?
Vielleicht bin ich ja doch nicht so langweilig, nur weil ich morgens früh aufstehe, “was mit Medien” mache und immer die Bild- und Express-Schlagzeilen am Automaten lese. Vielleicht bin ich nich ganz 0815, eher so 0815,5. Ein bisschen zumindest.















